Montag, 13. August 2012

fünf Meter, die Begeisterungsstürme unter den himmlischen Heerscharen ausgelöst haben

Als Kind bin ich sehr schüchtern gewesen. Die meisten anderen Kinder haben mir Angst gemacht. Sie wollten immer unverständliche Dinge von mir und haben nie zugehört, wenn ich etwas nicht oder anders wollte.
Von den meisten Sachen, die man so machen kann, habe ich mich auch ferngehalten, weil ich Angst hatte, ob ich sie könnte. So gesehen ist es ein Wunder, dass ich mit vier Jahren Fahrradfahren gelernt habe.
Außerdem hatte ich Angst vorm Wasser. Irgendwie war es mir nicht geheuer.
Als ich in die fünfte Klasse kam und es Schwimmunterricht gab, konnte ich also nicht schwimmen.
Die Sportlehrerin hielt ihre Methode für wirksam und warf mich ins Wasser. Ich ertrank zwar nicht, aber mein Verhältnis zum Wasser änderte sich dadurch ganz sicher nicht zum Guten!
Mit ungefähr dreizehn gelang es mir unter großen Mühen und mit noch mehr Überwindung, das Seepferdchen zu machen. Alle Erwachsenen hatten plötzlich den Entschluss gefasst, dass ich schwimmen können müsse.
Dann gab es ein Sportabzeichen in der Schule, für das man natürlich auch acht Bahnen schwimmen musste. Mit viel Augenzudrücken der Lehrer am Beckenrand habe ich Bronze erreicht.
der größte sportliche Erfolg meiner frühen Jugend!!!
Danach bin ich nur noch mit den anderen zum Schwimmen gegangen, wenn es die Umstände gar nicht anders zuließen. Wohl gefühlt habe ich mich allerdings nie. Zu groß war die Gefahr, dass ein ignoranter Mensch mich unter Wasser drücken könnte. Es gibt ja so Leute, die das sogar witzig finden.
Irgendwann landete mein Badeanzug in der Altkleidersammlung. Was sollte ich damit?
Irgendwann hatte ich mich auch gut in meiner Eigendiagnose „wasserscheu“ zurecht gefunden. Das verleitete zwar immer wieder Leute zu blöden Fragen („wie duscht du denn dann?“ – „in Regenmantel und Gummistiefeln!“), aber insgesamt war es okay. Im Zweifelsfall erzählte ich die Geschichte mit der Sportlehrerin und hatte Ruhe von dem Thema.
Im Sommer vor zwei Jahren ging es beim Reifetraining (ich berichtete) um Ängste. Wir beteten gegen die Angst vorm Wasser. Das war im Juli. Der August und der restliche Sommer war nicht geeignet für Badetouren. Ich war also die Angst los, aber immer noch nicht schwimmen gegangen. Außerdem musste ich ja erst einen Badeanzug kaufen!
Neulich beim Geburtstagsgutscheinshoppen im Second-Hand-Laden mit meinen drei Stilberaterinnen kam mir auch ein Tankini in die Finger. Ich wollte ihn weglegen, schließlich waren wir um Hosen da, aber Jesus meinte: „Na los, probier ihn an!“

Heute kam ich aus dem G’schäft und im Auto war atemlose Hitze und das Thermometer sagte „27,5 Grad“ und Jesus sagte: „Ideales Wetter zum schwimmen gehen!“
Ich habe mich erst noch ein bisschen in der Wohnung rumgedrückt und unentbehrlich wichtige Dinge getan, wie zum Beispiel das Bad geputzt und bin dann losgefahren zur Talsperre, an der mein Garten liegt.
Habe mir einen ruhigen Seitenarm mit seicht abfallendem Ufer gesucht und - - - - -
- - - - - - bin ins Wasser gegangen und fünf Meter parallel zum Ufer geschwommen und war völlig außer Atem und hatte Herzklopfen bis zum Hals und bin unter dem Jubel der Himmlischen Heerscharen wieder ans Ufer gestakst.
Vergangenheit überwunden! Großen Sieg errungen!

Ich wusste gar nicht, dass Schwimmen so einfach ist und zugleich so anstrengend. Aber das ist wohl Übungssache.
Ich hatte übrigens tatsächlich keine Angst.
Ich sags ja immer. Beten hilft.

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p.s.: vielleicht waren es sogar acht Meter.

3 Kommentare:

  1. Hey, voll cool, Glückwunsch!
    Ich hatte letzte Woche etwa die gleiche Distanz in der Vertikalen (habe eigentlich totale Höhenangst). Seilgarten. Hätte nicht gedacht, dass ich das schaffe.

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Nur Mut. So ein Kommentarfeld beißt nicht.