Mittwoch, 22. Dezember 2010

Erkenntnis!!

Ich habe immer geglaubt: Kurzgeschichte kann ich nicht.
Weil: ich kann mich ja nicht kurz fassen. Dies und das sind Beweis genug.
Und das mit dem abrupten Einstieg und dem plötzlichen Ende kann ich auch nicht.
Kurzgeschichten, hab ich gedacht, sollen die anderen schreiben.

Und nun les ich diesen Text, den ich neulich geschrieben hab, der kein Anfang und kein Ende hat, der einfach so eine Szene "mittenraus" ist, und auf einmal fällt mich die Erkenntnis an wie ein verrückter Hund. Das ist Kurzgeschichte!

Deswegen darfst du umgehend teilhaben.


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„Darf ich mitkommen, wenn du die Ringe aussuchst?“, fragte sie.
„Willst du mitkommen, wenn ich sie aussuche, oder willst du sie aussuchen, während ich daneben stehe und hinterher bezahle?“, fragte er.
Sie lachte leise. „Ich wäre schon gerne dabei, aber ich denke, wir können uns einigen.“ Sie fasste seine Rechte.
„Meinst du?“, grinste er.
„Ja, davon gehe ich aus“, grinste sie zurück. „Schließlich will ich einen schönen Ring an meinem schönen Mann.“ Ihre Finger glitten über seine. Mit dem Daumen strich sie über die unregelmäßig verwachsene Haut am Ringfinger. „Eine Narbe“, stellte sie fest.
„Genau“, brummte er. „Das zum Thema, schöner Mann.“
„Unfug. Deine Narben gehören dazu, aber sie machen dich nicht hässlich. Meine Oma hat gesagt, nicht schön sein macht schön, sondern gefallen macht schön. Ihr hättet euch gut verstanden.“
Kjell hob die Schultern.
In die entstehende Stille sagte sie: „Magst du mir erzählen, wie das hier passiert ist?“
„Das war, als ich den Ehering mit ‘ner Kneifzange abgemacht habe. Ich bin da nicht mehr anders rausgekommen. Das Teil ist abgerutscht und hat mir den halben Finger abgeschnitten. War ‘ne ziemliche Sauerei.“
„Oh Gott. Du warst so verzweifelt?“
Er reagierte nicht.
„Bist du denn nicht zum Arzt gegangen?“, fragte sie und bekam das Übliche zu hören: eine Gegenfrage. „Würde das dann so aussehen?“
„Und warum bist du nicht zum Arzt gegangen? Du hättest auch eine Sehne erwischen können.“
„Ich habe eine erwischt.“
„Aber war dir nicht klar, dass…“
„Offenbar nicht“, blockte er ab.
Einen Augenblick war es still im Raum; viel zu still. Pia hörte ihn mehrmals tief durchatmen.
„Die Anatomie hat da glücklicherweise vorgesorgt“, sagte er schließlich leise. „Man hat in jedem Finger vier Sehnen. Zwei zum Strecken, zwei zum Beugen. Im Zeigefinger sind es sogar drei Strecker.“
„Was du alles weißt“, machte sie bewundernd. „Ich frage mich, warum du bei dieser Menge Allgemeinwissen nicht weißt, dass jeder zweite Goldschmied einen Ring abnehmen kann, ohne dich zu verstümmeln.“
„Ich weiß es.“
„Ja, aber warum hast du dann–“
„Vermutlich war ich besoffen.“
Pia sah ihn lange an. „Nein. Warst du nicht. Wenn ich dich richtig einschätze, hast du nie weniger gesoffen als in der Zeit. Auf wen hätte deine Tochter sonst zählen können?“
„Stimmt“, räumte er ein. „Von dieser Vernunftleistung abgesehen bin ich allerdings nicht zurechnungsfähig gewesen, sonst wäre ich wohl kaum auf die hirnverbrannte Idee mit der Kneifzange gekommen.“
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Ja. Die Kunst bei der Kurzgeschichte ist nämlich, dass einem egal ist, was vorher war und was nachher passieren wird. Wer die Personen sind. Welchen Hintergrund sie haben. Wie sie sich (im vorliegenden Fall) gefunden haben. Man muss das nicht alles erklären.
Frag mich jetzt bitte nicht, warum dieser verrückte Hund namens Erkenntnis mich zu derart früher Stunde anspringen musste. Ich weiß es nicht.

4 Kommentare:

  1. Ja. Das ist kurz und das ist Geschichte. Fein.

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  2. Ich schließe mich dem Vorgünter an, sehr gut.

    "Ja. Die Kunst bei der Kurzgeschichte ist nämlich, dass einem egal ist, was vorher war und was nachher passieren wird. Wer die Personen sind. Welchen Hintergrund sie haben. Wie sie sich (im vorliegenden Fall) gefunden haben."

    Ist es bei diesem Stück Literatur nämlich tatsächlich...cool!

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  3. Bin durch Zufalle gerade auf deinem Blog gelandet - wehe, du hörst damit JEMALS auf! Das wäre wie.... *Vergleichsuch* ... nie mehr Weihnachten. Oder Silvester. Oder Ostern oder Pfingstferien oder Italien oder Gondeln in Venedig oder Hofbäuhaus oder Kekse oder Telefon oder ....

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  4. Hallo Anonym!
    Willkommen in meinem Vorgarten.
    Nimm Dir'n Keks, fühl Dich wohl.
    Soll ich Dir was sagen, ich glaub nicht an Zufälle.
    Und es ist so bald nicht zu befürchten, dass ich hier die Arbeit einstelle. Solange mir ständig was einfällt...!!

    Du könntest Dir nen Namen für Dich ausdenken (vielleicht nicht gerade "Frau Vorgarten", hast das ja mitgekriegt), dann könnte ich Dich besser von den anderen Anno Nymsens unterscheiden.

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Nur Mut. So ein Kommentarfeld beißt nicht.